Der Schüler Gerber
von Friedrich Torberg
lange Inhaltsangabe
- Kupfer, Gott m. b. H. (Seite 7)
Die Klasse ist unsicher. Wer ist dieser neue Klassenvorstand namens Kupfer? Ist er
wirklich so schlimm, wie man sagt? Wieso nennen ihn alle "Gott" Kupfer? Bereits
bei der Anfangrede hört der faule, aber schlaue Schüler Gerber im
Unterbewusstsein die Worte des Professors "den Gerber... den kriege ich nieder".
Er scheint ein Gott zu sein. Die Aufmerksamkeit der Schüler in voller Kontrolle zu
haben. Jedes Zucken, jedes Zwicken, jedes Jucken scheint er zu bemerken. Er
kontrolliert die Schüler vollständig. Er. Gott Kupfer. In strahlender Vollkommenheit.
- Einzug der Gladiatoren. Gong (S. 32)
Darstellende Geometrie und Mathematik sind keine Gegenstände, die Kurt Gerber
aus dem ff zaubert. Er ist ein guter Mathematiker, aber bereits bei der ersten
Konfrontation mit Kupfer wird Kurt klar, dass er nicht nur irgendjemanden vor sich
stehen hat. Es ist Gott Kupfer, der ihn jederzeit auf Nicht Genügend prüfen kann.
Kurt beginnt die große Gefahr zu realisieren. Den Mitschüler Severin hat es bereits
erwischt.
Mattusch (Deutsch), Prochaska (Geschichte/Geographie), Filip (Chemie), Niesset
(Latein), Pochert (Franz.), Hussack (Physik), Riedl (Naturgeschichte) ... die anderen
Professoren kommen auch ins Gespräch. Mattusch mit seinen Lieblingsworten
"asso" und "nichtwa". Die Worte klingen kurz und gezischt. Prochaska erwähnt
gleich in der ersten Stunde, dass dies sein letztes Jahr sein wird. "Ich bin ein alter
Mann, ich gehe heuer in Pension". Hussak nennt seine Schüler "Vogerl" und Filip
macht ihnen die Bedeutung dieses Jahres klar. 8. Klasse. Maturaklasse. Oktavaner
können sich nicht mehr zurücklehnen. Kein Lehrer will es ihnen schwer machen,
aber alle müssen eine Leistung bringen. Zumindest eine Genügende. Trotzdem
bleibt nur er das wichtigste Thema: Gott Kupfer.
Ah ja... irgendwas fehlt Kurt in diesem Jahr. Irgendwas stimmt mit der Sitzordnung
nicht. Lisa ist es. Sie fehlt. Fräulein Berwald arbeitet ab jetzt in einem
Kunstgewerbeatelier Dremon und hat somit die Schule verlassen. Wieso? Wieso
hat ihm niemand etwas gesagt? Gleich in der Chemiestunde schreibt Kurt seiner
(heimlichen) Liebe einen Brief. Gleich nach der Schule rennt er ins Papiergeschäft
und steckt den Brief in einen Briefumschlag. Kurt schreibt trotz Einwandes des
Buchhändlers "Frl. Berwald" hinauf und wirft den Brief in einen Postkasten.
Daheim fühlt er sich auch unwohl. Dieses Schweigen. Vater fragt, was in der
Schule losgewesen sei. Nichts. Dann kommt die unerhoffte Frage: Wen hast du als
Klassenvorstand? Kurt kennt die Bedeutung dieser Frage und versucht ganz ruhig
zu antworten: Kupfer. Schweigen. Ganz still. Hat Vater mich überhaupt gehört? Kurt
blickt zu ihm hinüber. Sein Vater atmet unregelmäßig und schwitzt. Seine Mutter
sorgt sich um ihn. Vater darf sich nicht zu sehr aufregen. Sein Herz ist schwerkrank.
In dem Moment meint sein Vater "Dann musst du eben aus der Schule raus". Wie?
Nach einer etwas längeren Diskussion ist Kurt verwirrt. Er geht schlafen. Er kann
aber nicht. Nur wegen Kupfer regt sich Vater so auf? Ist eine Matura wirklich so
bedeutend? War es richtig, dass ich jetzt die volle Verantwortung über meine Noten
gegenüber meinen Eltern genommen habe? Kurt ist verunsichert. Was erwartet ihn
in den nächsten 10 Monaten?
- Drei Begegnungen (S. 61)
Die Zeit vergeht. Es regnet. Die Raucher sperren sich auf dem Abort ein. Es
beginnt der Alltagstrott. Die ersten Schularbeiten nähern sich. Deutsch. Latein.
Französisch. Kurt sitzt in der hintersten Reihe. Zum Glück ist sein Freund Weinberg
in der Nähe. Im Vorjahr hat er Mathematik-Beispiele noch von Lisa abschreiben
können. Kurt hat sich später entschlossen eines der Abschreiben als Ursprung
seiner Liebe anzusehen. Lisa? Sie hat noch immer nicht geanwortet. Er hat es sich
auch abgewöhnt nachzuforschen, ob der Brief wohl angekommen ist.
Eines Tage steht sie dann im Klassenzimmer. Die Mitschüler umringen sie. Kurt ist
sitzen geblieben. Kurt ist nicht daran interessiert sich auf sie zu stürzen. Die Klasse
wusste auch nicht, dass Kurt in sie verliebt ist. Er wollte sie lieber in Ruhe
abfangen, wenn sie zum Physiksaal gehen. Plumpe Lüsternheit nach dem
Köstlichen. So beschreibt er die Situation, wie seine Mitschüler Lisa auf dem Weg
zum Saal umringen. Es ist Eifersucht, die er verspürt; Kurt weiß es. Kurt kommt
nicht zu der Möglichkeit mit ihr zu sprechen.
Während der Stunde kurz nach dem Lisa die Schule wieder verlassen hat bittet
Kurt Hussak nach draußen gehen zu dürfen. Mit der Lüge ihm sei nicht gut, rennt er
Lisa hinterher. Nach einem kurzen Wortwechsel muss er auch schon wieder
zurück. Montag möchte er sie wiedersehen.
Als Kurt zurücklauft, zündet er eine Zigarette an. "Gerber können sie nicht
grüßen?". Kurt erschrickt, als Kupfer ihn erwischt. "Gerber... es ist Unterricht.
Möchten Sie gefälligst aufhören zu rauchen, wenn ich mit ihnen rede?". Er lässt
Kurt nicht nach einer Ausrede suchen. Sein Bein schmerzt und blutet, weshalb er
zum Arzt muss. Hussak hätte ihn zum Arzt geschickt. Doch Kupfer lässt ihn nicht
ausreden. Diese Begegnung war gar nicht gut. Kurt rennt in die Schule und
Kurt kommt sehr spät in die Stunde zurück. Es hat schon wieder geläutet. Hussak
nimmt die Sache sehr gelassen, aber er warnt Kurt. Bald käme die Inspektion des
Direktors. Wenn dieser solche eine Sache bemerken würde, --. Oder wenn es Kurts
Mathelehrer erfähre... Was? Kupfer hat Kurt beim Verlassen der Schule gesehen?
"Gerber! Idiot! Armer, armer Gerber!"
- Blicke um X (S. 76)
Zuhausebleiben! Das dachte Kurt als er morgens aufwachte. Sein wirklich
blutiges Knie schmerzte. Nicht in die Schule gehen. Ein paar Tage lang. Er bleibt im
Bett. Am folgenden Tag kommt Weinberg vorbei. Er wunderte sich. Kurt krank? Alle
dachten, er schwänzt und sei bei Lisa. Die Sache mit Hussak wegen Lisa war ja
eindeutig. Kurt möchte näher erfahren, welche Gerücht in der Schule jetzt über ihn
herum erzählt werden. Doch Weinberg verweigert. Dann kann sich Kurt nicht mehr
halten und offenbart sein Geheimnis: "Ich liebe Lisa". Weinberg ist sprachlos, doch
Kurt bittet ihn Lisa einmal objektiv zu betrachten. Weinberg schlägt ein anderes
Thema an: Morgen ist eine Mathematik-Schularbeit. "Ich bin krank", meint Kurt.
Dennoch befindet er sich in einer Gewissenskrise. Fällt es positiv auf, wenn Kurt
trotz Krankheit in die Schule kommt? Nein... Kupfer ist das egal. Aber die Krankheit
ist ja nachweisbar? Kurt darf aber nicht nach ein paar Bankfragen klassifiziert
werden. Kann er noch eine Formel? Ja, aber reicht das aus?
"Realgymnasium XVI, I. Halbjahr, VIII. Klasse, Name: Gerber Kurt, Inhalt:
Mathematische Schularbeiten" notiert Kurt am nächsten Tag auf sein Heft. Es
läutet. Alle verstummen. Auch die Raucher kommen jetzt in die Klasse. Kupfer trägt
Namen ins Klassenbuch ein. Lewy, Nowak, Kohl, Gerber... was? Gerber ist hier?
"Es hätte auch peinliche Konsequenzen für Sie gehabt, wenn Sie den Schwindel
mit Ihrer Krankheit weitergetrieben und die Schularbeit geschwänzt hätten",
erwähnt Kupfer. "Ich habe weder geschwindelt noch geschwänzt!". "Was Sie nicht
sagen! Dabei sind Sie mittwochs noch während des Unterrichts recht gesund auf
der Straße herum gegangen." Kurt merkte die Falle. Kupfer hatte ihn. Um die Sache
schnell abzuschließen, meint Kurt: "Ich bringe morgen das ärztliche Attest."
Alle sind verwundert. Normalerweise werden immer verschiedene Gruppen der
Schularbeit ausgeteilt. Kupfer verzichtet darauf. Das macht das Schummeln
leichter. Kupfer schreibt die Beispiele auf die Tafel. Die Schüler schreiben ab. Und
sofort rechnen alle. Außer Kurt. Die Beispiele sind von keinem Gebiet in dem er
bewandet ist. Was hat dieses X zu bedeuten? Ist das nicht eine arithmetische
Reihe? Kurt schwindelt. Er blickt nach Weinbergs Zettel. Doch kaum wendet er
seinen Kopf rüber, erschwischt ihn Kupfer. Kurt ist machtlos. Was soll er tun?
Gleich ist die Stunde zu Ende. Weinberg steckt ihm einen Zettel zu. Mit
gerechneten Beispielen. Noch eine Sekunde, dann hat er den Zettel Kupfer starrt
eh in seine Zeitung. "So... lieber Gerber. Darf ich Sie bitten in dieser Stellung zu
verbleiben?". Jetzt hat Kupfer es bemerkt. Das war's. Es ist eben aus.
"So ein Schweinkerl!". Kupfer hat in den Querbug der Zeitung mit der Schere drei
kleine kreisrunde Löcher geschnitten, bemerken die Klassekollegen nachdem
Kupfer schon die Klasse verlassen hat. Er hat deshalb alles mitbekommen.
- Der Zelter strauchelt (S. 93)
Es war November. Die Sache stand am Anfang. Und schon landete der blaue Brief
in seinem Postkasten. Er informierte die Eltern darüber, dass Kurt in diesem
Schuljahr evtl. mit Nicht Genügend beurteilt wird. So arg hätte es sich Kurt nicht
vorgestellt. Kurt bezeichnet diesen Zettel als schamloseste Gemeinheit. Er setzt die
gefälschte Unterschrift seines Vaters darunter und beschreibt es als "Schwindel mit
Moral".
Kurt war krank. Sein Fieberthermometer stieg auf 40°. Und das genau am Montag.
Wo er Mathematik gehen und Lisa anrufen sollte. Er lässt sich von Weinberg bei
Lisa entschuldigen.
Zurück in der Schule ermahnt Kupfer ihn gleich wieder. Seine Ausrede - Hussak
hätte ihn mit dem blutigen Knie zum Arzt geschickt - war gelogen. Kupfer vergisst
nichts. Gar nichts. In diesen Tagen ereilte Kurt auch die erste reguläre Prüfung bei
Kupfer (sonst waren es nur Bankfragen). Nicht Genügend. Kurt wundert es nicht.
Kurt bekam Angst. Vor jeder Prüfung. Jederzeit konnte es ihn erwischen. Immer
enger schnürrt sich diese Angst. Aber Kupfer hatte ja nicht einmal die gefälschte
Unterschrift bemerkt?!
Kurt versucht es mit umgekehrter Strategie. Er macht Hausaufgaben. Er bemüht
sich. Er zeigt es auch Kupfer. Es gibt keine formelle Heimlichkeit. Doch Kupfer lässt
sich nicht beeindrucken. Bei Niesset fällt er seit neuestem negativ auf. Mitten in der
Stunde faltet Kurt eine riesige englische Zeitung in seiner Bank auf. Niesset bekam
ein rotes Gesicht und tobte.
Kupfer spricht Benda darauf an, dass er ihn nach der Pause am Gang gesehen
hätte. Benda entgegnet er sei am Wasserklosett gewesen. Er könne nicht auf
Befehl wässern. Man merkt: Auch wenn die Situation in der Klasse der Oktavaner
lockerer wird, so ist sie trotzdem angespannt. Kupfer prüft die ganze Klasse. Einer
nach dem anderen. Nicht Genügend. Nicht Genügend. Nicht Genügend. Benda holt
er fünf Mal hinaus. Hintereinander. Benda bleibt gleich stehen. Er komme eh gleich
wieder dran, argumentiert er. Doch Kupfer erlaubt es ihm nicht. Deshalb setzt
Benda sich in die Bank und bleibt sitzen. Nicht Genügend wegen Verweigerung des
Gehorsams.
Die Klasse diskutiert in der Pause. Es geht um Kupfer und Benda's Sehrgut, die er
normalerweise bekommt. Als Schönthal Kurt beschimpft, dass er sowieso
durchfiele, saust in dem Moment Weinbergs Faust an Kurt vorbei und trifft
Schönthal ins Gesicht. Die Sache wurde emotional.
Auch in Borcherts Stunde kommt es zu Konfrontationen mit Zasche. Als Kurt
Zasche verteidigt und Borchert provoziert, lässt sich dieser aber nicht auf eine
Konfrontation ein. Peinlich. Zuerst die Sache mit Schönthal und jetzt mit Borchert.
Kurt knickt ein.
- Sechstes Kapitel (S. 116)
Auch wenn Kurt wenig von Lisas Vorleben weiß, weiß er dass sie schon mit vielen
"gegangen ist". Brumm, Otto Engelhart... noch heute ist sie mit Otto Engelhart
zusammen.
Ein Skizug. Alle saßen im Zug und verbrachten die Weihnachtsferien mit Skifahren.
Willi Wagenschmid, Paul Weismann, Boby Urban, Otto Engelhart, Hilde Fischer,
Lisa und Kurt. Bald schlafen alle. Es ist ruhig und finster im Zug geworden. Kurt
aber denkt nur an sie: Lisa. Sie ist schwer zu erkennen. Sie sitzt auf der anderen
Seite neben Otto. Kurt versucht sie mit dem Fuß anzutippen. Als Paul sich
ausstrecken möchte (er hat wohl zu viel Kognak getrunken), wird es eng im Abteil.
Lisa beschließt den Raum zu verlassen. Und nimmt Kurt mit.
Kurt kommt Lisa näher. In der Ecke der Verbindungstür stehen sie sich gegenüber
und reden. Kurt befindet sich dauernd in Gedanken daran, dass er sie küsst.
An einem nebeligen Nachmittag gehen sie in die "Bar". Ein Klavierspieler spielt
Tanzmusik. "Willst du tanzen, Lisa?" fragt Kurt. "Du wirst ihm doch keinen Korb
geben", provoziert Otto Lisa. "Natürlich nicht!" und sie gehen auf das Tanzparkett.
Und wieder kommen sie sich näher. Für Kurt ist es wie ein Traum. Er ist so
glücklich, dass Lisa nicht gut tanzen kann. Es beruhigt ihn, weil er Angst hat, sie
könne es besser als er. Doch bald ist das Stück wieder zu Ende und der
Klavierspieler beendet es mit einem brummigen Bassakkord.
Die Tage vergehen. Eines Nachmittags hat er das Nachtmahl verschlafen. Lisa und
Paul machten sich schon Sorgen. Sie wünscht ihm eine gute Nacht und geht
ebenfalls schlafen. Paul bleibt im Zimmer übrig (er wohnt in Kurts Zimmer). "Liebst
du sie sehr?". Kurt war nicht verwundert. Es war ihm klar, dass es bereits alle
wussten. Kurt fragt im Gegenzug, ob es unrichtig oder unangebracht sei, dass er
sie liebe. Paul möge ehrlich sein. Kurt wisse, dass viel Schlechtes über Lisa erzählt
wird. Paul meine es sei schon ok, dass jemand Lisa liebe. Aber nicht auf diese Art
und Weise. Kurt versteht nicht. "Hast du Lisa schon einmal gehabt?", will Paul
wissen. "Ich muss in jedem Fall mit Nein beantworten. Du kannst es auffassen wie
du willst". Kurt könne nicht mehr zurück. Seit einem Jahr liebt er Lisa schon. In der
Zeit hätte er sie schon längst erobern müssen. Schon längst mit ihr schlafen
müssen. "Gute Nacht!"
Am nächsten Tag reißt Kurt einen Stern. In seiner Gedankenlosigkeit hat er nicht
einmal mitbekommen, wie er gestürzt ist. Auf jeden Fall richtet ihm am Abend Otto
aus, dass Lisa ihn sehen wolle. Nach dem (sehr vertraulichen) Gespräch fragt ihn
Otto, ob er bei Lisa war. Kurt beruhigt ihm und macht ihm klar, dass er bereits
länger ein nähere Verhältnis zu Lisa hat und Otto es sowieso schon wisse. Otto
zügelt seine Eifersucht und wünscht Kurt eine gute Nacht.
Zurück im Zimmer liegt Paul wach im Bett. Kurt macht Paul darauf aufmerksam,
dass er irrt. Er irrt als er meinte, er bekäme Lisa nicht. Nach Lisa's Abschiedsworten
"Ich habe dich auch lieb" ist ihm klar geworden, dass es anders ist.
- Gerber Kurt, Katalognummer 7
Kurt befindet sich im Zug nach Hause. Er musste seine Skiwoche abbrechen, weil
ihn ein wichtiger Brief von Vater geschickt wurde. Er hat mit einem der Professoren
gesprochen und alles weitere möge er daheim besprechen. Kurt macht sich keine
Sorgen. Er ist mit den Gedanken bei Lisa und alles weitere werde eh noch
besprochen.
Daheim spricht er mit seinem Vater. Mattusch beschreibte Kurts Position in der
Schule als sehr pessimistisch. Er mache sich ernsthafte Sorgen. Sein Vater hat
deshalb beschlossen einen Hauslehrer zu engagieren. Prof. Ruprecht soll ihm in
den nächsten Tagen aushelfen. Kurt überlegt. Er sieht es nicht als böse Tat seines
Vaters an. Er ist froh darüber, sagt ihm aber mit einem Notizzettel ab. Er nimmt es
ihm nicht übel, aber er möchte es alleine schaffen.
Sie diskutieren nicht lange. Sein Vater akzeptiert die Entscheidung seines Sohnes,
aber warnt ihn: "Wenn du glaubst, dass Leben mit der Schule nichts gemein hat,
dann bist Du im Irrtum".
Es geht aufwärts. Borchert war der erste Lehrer, der es offen aussprach. Kurts
Noten waren zunehmend positiv. Doch die Klasse hat ein anderes Problem: Benda
ist plötzlich verstorben. Kurt macht sich Sorgen. Wenn es Kurt statt Benda gewesen
wäre, hätte dann auch niemand aufgezeigt, wenn gefragt werde, wer sein Freund
war?
Er trifft Lisa kurz und auch mit seinem Vater diskutiert er noch einmal. Doch Kurt
weiß, dass er tief in der Patsche sitzt. Er muss was ändern. Langsam stellt sich
heraus, wer die Durchfallenden sein werden. Die Halbjahreszeugnisse werden
ausgeteilt.
Wieder daheim hat er wieder andere Sorgen. Er ist verunsichert als er die mit
Tränen gefüllten Augen seiner Mutter sieht. Ist Vater gestorben? Nein, noch nicht.
Aber beim nächsten Mal, wenn er sich aufregt, wird sein Herz versagen. Der Doktor
warnt davor. Jedes Aufregen ist zu vermeiden.
Und das ausgerechnet jetzt, wo Vater sich das Halbjahreszeugnis sehen möchte
und sich darüber aufregen wird. Die 2 5er bei Kupfer. Kurt spricht den Arzt darauf
an. Ein Fünfer? Na und? Die Matura ist ja nicht das Leben. Kurt hat Hoffnung.
Wieder wird ihm klar, dass die Matura eigentlich nicht so wichtig ist. Es geht ja ums
Lernen; nicht um die Note.
- Hart ist der Weg zum Misserfolg
In der Schule nimmt die Verzweiflung zu. Es gibt immer mehr Probleme. Auch mit
anderen Lehrern. Kurt befindet sich wieder in Gedanken. Wer hat das Recht
Schüler zu klassifizieren? Wer sagt, dass ein Lehrer geeignet für den Beruf ist?
Kurt hat Vater das Zeugnis gegeben. Zugleich hat er ihn auch beruhigen müssen,
um sein Herz nicht zu strapazieren.
Kurt ist zerstreut. Das Studium mit seinen Klassenkollegen gibt er auf. In der Klasse
wird die Situation auch angespannter. In einer Stunde wollte Schleich den
Klassenraum verlassen. Borchert versperrt ihm den Weg. Als Schleich trotzdem
vorbei wollte, erhält Schleich von Borchert einen schallenden Schlag ins Gesicht.
Schleich setzt sich sprachlos wieder nieder.
In der Pause bilden sich zwei Parteien. Ist Borcherts Reaktion gerechtfertigt?
Zusammen beschließen sie ein Forumlar auszufüllen in dem sie sich gegen
Borchert aussprechen. Einige unterschreiben, aber zu wenige. Kurt ist frustriert.
Teamgeist scheint zu fehlen. Kurt nimmt den Zettel an sich und sie planen in der
nächsten Stunde nichts gegen Borchert zu unternehmen.
Auch wenn sie nicht unterschrieben haben: Der alte Teamgeist ist noch da. Als
Borchert Kaulich auffordert, die erste Strophe zu übersetzen, folgt Verweigerung.
Von anderen Klassenkameraden ebenfalls. Es wird still in der Klasse. Niemand
sagt etwas. Als Kaulich aufgerufen wird, bricht dieser die Kette und übersetzt. Kurts
Welt ist eingestürzt. Alles nur Erdenkliche ist eingestürzt. Kurt sitzt beschämt in der
Bank. In der Pause passiert das Unfassbare. Schleich entschuldigt sich bei
Borchert. Es tue ihm leid und er bittet ihn sein Verhalten zu entschuldigen. Eine
weitere große Niederlage für Kurt.
- Mittwoch zehn Uhr, Kitschroman
Kurt nimmt das Angebot eines Hauslehrers von seinem Vater nachträglich an. Er
besucht Ruprecht an einem Nachmittag, um Mathematik und Darstellende
Geometrie zu lernen. Gleich am Mittwoch um zehn Uhr will er die nächste Einheit
ausmachen. Kurt ist einverstanden und willigt ein.
Am Mittwoch um zehn Uhr erscheint er vor Ruprechts Haus. Er tritt ein und lernt mit
ihm eine Stunde. Als sie zu Ende ist, ruft er bei Lisas Atelier an. Er befürchtet, dass
man seine Stimme erkannt hätte (er darf eigentlich nicht anrufen) und hängt ab. Er
rennt zu Fuß zum Atelier rüber.
Er wartet. Er wartet. Er wartet darauf, dass Lisa aus dem Atelier kommt. Als sie
kommt, folgt er ihr. Er kommt immer näher, aber als er sie antippen will, trifft sie
plötzlich jemand anderen. Kurt wendet ab. Er läuft in eine Seitengasse und hofft sie
hätte ihn nicht gesehen.
Am Ostersonntag trifft er sie. Sie hat ihn nicht gesehen. Sie ist aber grantig auf ihn.
Kurt weiß nicht wieso. Er versucht sie zu küssen, aber Lisa verweigert. Kurt gesellt
sich mit Lisa wieder zu den anderen. Er genießt noch die letzten freien Tage.
Kurt geht eine Gasse entlang. Er kommt bei zwei Straßenmädchen vorbei. Die
Zweite fragt ihn, ob er mit ihr gehen würde. Kurt antwortet mit "Komm" und sie
gehen aufs Zimmer. Er liebt sie, wobei er Lisa liebt. Er bezahlt sie und sie geht
wieder. Dieser Vorfall kennzeichnet Kurts Verwirrung in der Liebe.
- Sturm auf zwei Fronten
5 Wochen bis zur Matura. In der Schule beginnen die Lehrer abzuschließen; vor
allem in den Gegenständen, in denen nicht maturiert wird. So spitzte sich der
Verlauf des letzten Aktes mit eherner Klarheit auf Kupfer zu. Kupfer zeigte sich
einer immer höher ansteigender Bedeutung mit imposanter Sicherheit gewachsen.
Kupfer trug weiter vor und prüfte weiter und gab hie und da ein Nichtgenügend
ohne eine Bemerkung daran zu knüpfen, danke, setzen, ein anderer... Und der eine
setzte sich und der andere kam, wie Marionetten in der Hand eines Drahtziehers,
dem das alles schon längst geläufig war.
Gerber fühlt sich unsicher. Er hat sich damit abgefunden, dass er die Matura nicht
schaffen wird und fühlt sich hilflos. Er spricht nacheinander mit vertrauenswürdigen
Lehrern.
Kupfer schreit Gerber in der Pause an. Eine eben stattgefundene Konferenz habe
beschlossen Kurts Disziplinlosigkeit mit einem 2-stündigen Karzer zu bestrafen. Er
soll dies auch seinem Vater mitteilen und eine Unterschrift einholen. Kurt tritt den
Karzer gleich nachmittags (ohne die Unterschrift mitgebracht zu haben) an. Er
durfte sich nach Belieben beschäftigen, wobei er gerne Mathematik-Beispiele zum
Üben bekommen hätte. Kurt geht danach nach Hause und redet mit seiner Mutter.
Sein Vater kann nicht unterschreiben. Das würde seinen allerletzten Anfall
provozieren und das wäre es dann mit seinem Herz. Kurts Mutter kommt am
nächsten Tag in die Schule. Sie weist Kupfer darauf hin, dass Kurts Vater schwere
Herzprobleme hat und nicht unterschreiben könne. Kupfer ist es egal. Er möchte
die Unterschrift.
Kurts Vater kommt in der Schule vorbei und möchte die Sache mit Kupfer regeln.
Doch Kupfer ist nicht da und er spricht mit Seelig. "Karzer?". Seelig wisse nichts
von einem Karzer. Zu einem Karzer ist aber eine Konferenz aller Lehrkörper
notwendig. Die hat nicht stattgefunden. Man nennt es Nachsitzen. Dazu muss keine
Konferenz einberufen werden, aber ebenso keine Unterschrift der Eltern gebracht
werden. Kurts Vater erleidet annähernd einen Anfall. Kupfer ist korrupt. Als er
nachmittags heim kommt, ist Doktor Kron bereits da. Vater müsse auf eine
Heilanstalt bebracht werden. Weg von dem Stress.
Kurt trifft Lisa vor dem Kino. Sie sehen sich einen Film an und Kurt ist glücklich.
Niemals könnte er jetzt an die Schule und an die Matura denken. Mitten in der
Vorstellung bekommt er einen Wahn und rennt kurz raus. Bald wieder hinein. Er ist
verwirrt. Aber er genießt die Vorstellung zu Ende. Mit Lisa.
- Der Zelter bricht zusammen
Zwei Wochen. Kupfer prüft die letzten Male. Zasche möchte er mit Nicht Genügend
beurteilen. Doch Zasche antwortet auf alle von Kupfers Fragen korrekt. Nachdem
es schon geläutet hat, prüft ihn Kupfer weiter. Bei einer Frage hängt Zasche. Und...
Nicht Genügend. Frechheit.
Kurt bekommt einen Anfall und schreit "Bluthund! Bluthund!" (zum Glück ist Kupfer
schon aus dem Klassenzimmer gegangen). Er rennt auf die Toilette und zündet
sich eine Zigarette an.
Zurück in der Klasse tritt Kupfer wieder ein. Er prüft die Schüler. Vorwiegend
bessere Schüler. Darunter auch Kurt. Da Kurt Fragen bekommt, die zufällig aus
Gebieten kommen, die er gestern mit Ruprecht durchgepaukt hat, weiß er die
Antworten auf die zwei Fragen. Positiv. Seit langem. Endlich hat Kurt wieder eine
positive Note bekommen. So lange nicht mehr.
In der Nacht wacht er plötzlich auf. Er hat keine Orientierung. Es ist finster. Er sieht
einen Spalt Licht. Ihn packt die Raserei. Er schlägt um sich. An was soll er denken,
um sich zu beruhigen? Lisa? Kupfer? Alles schon alte Themen. Seine Gedanken
beunruhigen ihn. Was ist mit ihm los?
Er steht mitten in der Nacht auf, zieht sich an und geht nach draussen. Er läuft
rüber zu Paul Weismann. Er stattet den Leuten einen Besuch ab, verschwindet
aber bald wieder. Er ist auf der Straße. Er überlegt. Wieder nehmen verwirrte
Gedanken Überhand. Kurt verliert die Kontrolle über sich.
- Die Reife-Prüfung
Die mündliche Matura am Staatsrealgymnasium XVI hatte begonnen. Die ersten
Personen kamen dran. Lewy, Mertens und Zasche hatten es nicht geschafft. Sie
wurden nicht zugelassen. Kurt schon. Wahrscheinlich dank der zahlreichen
Nachhilfestunden.
Die ersten Schüler kamen heraus. Sie hatten es geschafft.
Kurt befindet sich daweil wieder in einem Gedankentraum. Er denkt über den Tod,
die Tiere über die Mitschüler nach. Vom eigentlichen Geschehen im realen Leben
bemerkt er nichts.
Es war Mittwoch. Die Gruppe Brodetzky, Duffek, Gerald und Gerber ist heute dran.
Kurt steht auf. Er hat gestern den ganzen Tag gelernt. Bis spät in die Nacht. In der
Früh bemerkt er den dunklen Anzug, den er vorbereitet hatte. Matura! 8 Jahre und
jetzt ist der entscheidende Moment gekommen. Er zieht sich an und überflog seine
Hefte ein letztes Mal. Es freut ihn, dass er alle Formeln im Kopf hatte. Auch in
Latein hatte er alles auswendig gelernt und war froh.
Plötzlich klingelt es. "Ein Telegramm für den jungen Herrn" bemerkt das Mädchen.
Es war ein Telegramm von Mutter. Sie und Kurts Vater wünschen ihm alles Gute.
In der Schule informierte er sich über gestern. Er war nicht da und hatte ja gelernt.
Blank hatte es erwischt. Er war total sprachlos.
Da war der Moment. Kurt steht vor der Kommission. Kupfer stellt die Schüler vor
und verteilt die Angaben. "Keine Ahnung", flüstert Kurt. Nachdem das Schummeln
daneben schlug, fällt ihm die Summenformel für eine geometrische Reihe ein. Doch
er kann es nicht rechnen. Das erste Beispiel hatte er verhaut. Das zweite schaffte
er, jedoch war das erste Beispiel gefragt.
Er muss das erste Beispiel vortragen. Kurt besteht auf sein Recht die Beispiele in
beliebiger Reihenfolge vorzutragen. Die Kommission erlaubt es ihm aber nicht. Er
schreibt die Summenformel hin. Die Vorsitzende Marion fragt, was ihm diese
Formel bringe?! Kupfer übernimmt Kurts Vortrag und erklärt ihm den Lösungsweg.
Er hätte es ja gewusst. Es ist aus. Es hat keinen Sinn. "Wir sind fertig, Kandidat
Gerber".
Hinterher sieht er die Beispiele noch einmal an. Sie sind gar nicht schwer. Er sieht
es. Er ist sprachlos. Wenn er jetzt die anderen drei Gegenstände sehr gut besteht,
dann hätte er noch eine Chance nicht durchzufallen.
Inzwischen hatte er eine befriedigende Lateinprüfung absolviert. Kurt war zufrieden
und fragt bei den Mitschülern nach. Diese schweigen und Klemm meint, am
Schluss sei er sehr geschwommen. Die Übersetzung hingegen war gut. Was "gut"?
Nicht "sehr gut"?
Deutschprüfung. Er muss ein Gedicht interpretieren und eine dazu passende Frage
zur Literaturgeschichte beantworten. "Fertig? Ich danke", meint Marion.
Von nun ab kommt er mit seinen Gedanken nicht mehr zurecht. Bei der Geschichteund
Geographieprüfung bekommt er einen Zettel mit Fragen. Diese Lösung der
Fragen muss er auf der Wandkarte der Kommission vortragen. Kurt aber hat den
Zettel falsch gelesen. Er beantwortet ein völlig falsche Frage. Er wird von
Prochaska unterbrochen und darauf hingewiesen.
Seine Klassenkameraden versuchen ihn danach noch aufzumuntern. Kurt schwieg.
Für ihn war es vorbei. Egal, ob er es geschafft hat oder nicht. Er landet wieder in
einem Gedankentraum. Vater... Lisa... Kupfer... "Wenn du glaubst, dass das Leben
mit der Schule nichts gemein hat, dann bist du im Irrtum.". Kurt spielt seine Matura
im Himmel mit Tod und Leben nach. "Leben" wäre durchgefallen.
"Ah... Inspektor Marion. Meine Verehrung, Herr Kollege! Eben ist ein Schüler bei
mir durchgefallen. Bitte? Leben. Leben Franz. Ganz unreif, ja.
Was wollen Sie denn noch immer, Leben? Nein. Das hätte gar keinen Zweck.
Durch die Mitte. Dort, wo die drei stehen, dahinter ist ein Tisch, über dem Tisch ist
ein Fenster. Genau in der Mitte. Ab durch die Mitte."
Zeitungsnotiz:
Wieder ein Schülerselbstmord. Bei dem gestern am Staatsrealgymnasium XVI
abgehaltenen Abiturientenexamen beging einer der Kandidaten, der
neunzehnjährige Oktavaner Kurt Gerber, dadurch Selbstmord, daß er sich knapp
vor Bekanntgabe des Prüfungsergebnisses aus dem im dritten Stockwerk
gelegenen Klassenzimmer auf die Straße stürzte. Er blieb mit zerschmetterten
Gliedern liegen und war sofort tot. - Eine besondere Tragik liegt darin, dass Gerber,
der zweifellos aus Furcht vor dem "Durchfall" in den Tod ging, von der
Prüfungskommission für "reif" erklärt worden war.
Quelle
Friedrich Torberg -- Roman "Der Schüler Gerber"
Erschienen 30. Auflage März 2002